`Willkommen in der Dritten Welt`,

 

`Willkommen in der Dritten Welt`- Wasser faellt aus – Heiliger Fluss tot – 2 Millionen Kleinkinder tot, weil kein gutes Wasser – 300 Millionen mit weniger als einem Dollar pro Tag – aber kaum Kriminalitaet.

 

`Willkommen in der Dritten Welt`, sagt Raman am Flughafen zu mir. Habe die Bedeutungdavon anfangs unterschaetzt. Habe tatsaechlich einen Flughafen wie hier noch nichtgesehen. Armut auf Schritt und Tritt. Langsam komme ich mit den Massen von Bettlernzurecht. Nicht zurecht komme ich mit den Kindern, mein Freund wimmelt sie`professionell` ab. Die Geschichten , die sie erzaehlen, sind vielleicht nicht immerganz richtig, aber oft orginell. So sagt ein Kind auf einer Kreuzung, es sammeltfuer den Samstag-Gott. Nachgefragt sagt es, das Geld behalte es natuerlich selber.Am meisten beruehrt mich in einem Naturpark ein junger Bub, der mit einem alten Mannunaufdringlich Futter fuer Affen zum Fuettern verkauft. Er bettelt nicht, seinenAugen sind sehr ernst. Auf meine Fragen – Raman uebersetzt Hindi – sagt der Bub, ersei mit dem alten Mann aus einem Dorf gekommen, wo es eine Duerre gibt, in eineSchule gehe er nicht und unklar ist, ob er ueberhaupt in eine gegangen ist. Sieschlafen irgendwo halb im Freien. Vater habe er keinen. Laut einem Buch sind die Haelfte der Bevoelkerung Analphabeten, wobei es daaber auf die Definition ankommt und es breite Uebergaenge geben duerfte. Etwa einDrittel sind offiziell arm (UN-Defintion: Einkommen geringer als ein $ pro Tag), dassind mehr als 300 Millionen. Raman sagt, dass etwa 10 % (100 Millionen) in etwaeinen europaeischen Lebensstandard haben. Der Rest der einen Milliarde liegtdazwischen. Unsere Firmengurus in Europa reden immer wieder von 300 MillionenInderInnen, die fuer `uns` als Kunden in Frage kommen. Mich interssiert eher dasLeben der anderen, allerdings kann ich leider mit diesen kaum reden, da sie meistnur Brocken von Englisch sprechen (laut Buch koennen 5 % besser Englisch. Einer der ersten Wege fuehrt uns in einen Laden, wo Klopapier gekauft wird. Westlerverwenden Klopapier, Inder verwenden die linke Hand und Wasser. Westliche Auslaendersieht man nicht selten mit Klopapier herumgehen. Angekommen in der Heimstaette gibt es 2 Probleme: die hauesliche Wasserleitung hatwas und ausserdem gibt es ueberhaupt kein Wasser im Bezirk. Ausfaelle sind oft, abernormal immer nur fuer Stunden, ueber laengere Zeit wie jetzt selten. Es sind aberimmer Behaelter da, mit denen man ueber die Runden kommt. Ich lerne wassersparendesDuschen kennen: Mit einem Becher aus einem Kuebel ueber den Kopf, das macht dieFamilie, wo ich bin, meist so. – Laut Zeitung kommt es bei Tankwaegen zu Konfliktenbei der Wasservergabe. Das insgesamt groessere Problem fuer die Stadt ist aber die Kanalisation: einbetraechtlicher Teil (ueber 40%) in Delhi hat gar keine, und das Abwasser deruebrigen kommt in den heiligen Fluss Yamuna. Das Trinkwasser kommt aus dem Fluss,bevor er die Stadt erreicht. Nachher uebersteigen die gemessenen Werte dieorganischen Grenzwerte um das Hundertausendfache. Der Fuss ist somit nach Delhi `tot`.insgesamt haben 71 % der indischen Bevoelkerung keinen sanitaeren Anschluss. Laut UNO sterben jaehrlich ueber 2 Millionen indische Kleinkinder bis 5, weil fuersie kein sauberes Wasser da ist. Mit Klo usw. duerfen nach dem durchaus wirksamen Kastensystem nur die Dalits, dieunterste Kaste, zu tun haben. In der Unterkunft in den Bergen kam eine Bedienerinund eine extra nur fuer das Klo, eine Dalit. Ein Spiegel-Redakteur namens SiegfriedKogelfranz schreibt in einem Indien-Buch, dass er den Brahma-Hinduismus mit demKastensystem `fuer eines der perfektesten Unterdrueckungssysteme derMenschheitsgeschichte´ haelt. Aber nun einmal der Uebergang ins Positive: Kriminalitaet ist in Indien sehr gering.Waehrend vor kurzem der Weltsoziologiekongress in Suedafrika laut Bericht schwerabgesichert stattfand, ist hier trotz der riesigen sozialen Unterschiede dieFriedfertigkeit erstaunlich. Auch fuer Reisende ist das natuerlich schon sehrangenehm. Es soll ja in manchen Staedten Suedamerikas oder Russland ziemlich anderssein. Mein Freund fuehrt dies vor allem auf familiaere Bindungen und einenfunktionierenden Staat hier zurueck. Mir bleibt das ein – erfreuliches – Raetsel.

Autor: Josef Baum

Freue mich auf Reaktionen, Kritik, Anregungen usw. Der Fortschritt entwickelt sich in Widersprüchen.

Ein Gedanke zu „`Willkommen in der Dritten Welt`,“

  1. Hallo Josef!

    Passend zum Thema Armut bzw. Naturkatastrophen wurde von der Internat. Föderation der Rotkreuz- u. Rothalbmondgesellschaften der "World Disasters Report 2006" veröffentlicht.

    Thema: Vergessene Katastrophen ("living and dying in the shadows"); Inhalt sind sogenannte low profile disasters, die mehr oder minder niemanden interessieren.

    Hurrikan Katrina beispielsweise (1300 Tote) erweckte 40mal höheres Medieninteresse als Hurrikan Stan (1600 Tote), der kurz nach Katrina in Guatemala wütete! Proportional dazu natürlich das Spendenaufkommen.

    Ein anderes Beispiel, Tsunami 2004: Pro Hilfsbedürftigen wurde $ 1241 an humanitärer Hilfe geleistet. Aufrufe für humanitäre Hilfe für Tschad, Elfenbeinküste, Guyana, Malawi und Niger brachten es auf weniger als $ 27 pro Hilfsbedürftigen.

    Alles Gute jedenfalls für die Konferenz und schöne bzw. wichtige Erfahrungen in Indien,

    Clemens!

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